Drama in den Tiefen des Gloriaschachts
Publiziert im Ressort Suhl Lokal am 28.09.2009 00:00
Nationale Höhlenrettungsübung mit über 50 Einsatzkräften im Besucherbergwerk "Schwarze Crux"
Vesser - Wie die Leute am späten Freitagnachmittag in das abgeschlossene Besucherbergwerk gekommen sind, weiß Karl Rieger nicht. Doch er hat Spuren entdeckt, die darauf hinweisen, dass sich mehrere Jugendliche unberechtigt Zutritt verschafft haben. Dem Betreiber und Chef des Fördervereins Bergbaumuseum "Schwarze Crux" läuft es eiskalt den Rücken runter, als er an den Tiefen Gloriaschacht denkt, der vom Besucherbereich aus mehr als 40 Meter tief in noch unerschlossene Regionen der einstigen Magnetit-Zeche führt. Auf seine Rufe reagiert niemand. Haben sich die jungen Leute etwa dort abgeseilt?
Rieger wählt den Notruf, verständigt die Rettungsleitstelle. Dort alarmiert man gegen 20 Uhr die Höhlenrettung der DRK-Bergwacht Thüringen.
Höhlenrettung der DRK-Bergwacht Thüringen. Wenig später ist es mit der beschaulichen Abendruhe auf dem Parkplatz der Gaststätte und des Besucherbergwerkes an der Straße zwischen Suhl und Schmiedefeld
vorbei. Einsatzfahrzeuge beziehen Stellung, Spezialausrüstung wird ausgepackt, ein Rettungszelt aufgebaut. Die Thüringer Höhlenretter verschaffen sich über den Rettungsschacht Zugang zum Bergwerk.
Tatsächlich stoßen sie unter Tage auf einen jungen Mann, der berichtet, dass sich drei seiner Freunde in den Gloriaschacht abgeseilt hätten. Seither habe er von ihnen nichts gehört. Möglicherweise seien sie
verunglückt, bringt er unter Tränen hervor. Wo die drei anderen geblieben sind, weiß er nicht.Für die acht Thüringer Höhlenretter, darunter Uwe Drewianka von der hiesigen Bergwacht-Bereitschaft
Goldlauter, ist klar, dass sie hier allein nicht helfen können. Doch die Uhr tickt: Sind die Jugendlichen wirklich verunglückt und verletzt, zählt jede Minute, denn bei sieben Grad Celsius in der Zeche droht
ihnen Unterkühlung. Über die Leitstelle alarmieren die Thüringer Höhlenretter die bundesweit acht Höhlenrettungsgruppen und weitere Einsatzkräfte des Katastrophenschutzes. Mit Blaulichtgeflacker rollen
bis nach Mitternacht weitere Einsatzfahrzeuge aus Bad-Württemberg, aus Bayern und aus Sachsen auf dem Parkplatz an. Gegen ein Uhr sind 52 Einsatzkräfte vor Ort.
Schwerverletzte im Schacht
Das dramatische Szenario ist glücklicherweise kein Ernstfall, sondern Ausgangspunkt einer nationalen Höhlenrettungsübung, der dritten ihrer Art überhaupt. Mit einer dreistündigen Unterbrechung am frühen
Morgen dauert die Übung bis Samstagnachmittag an. Gegen vier Uhr am Samstagmorgen sind vier der Jugendlichen - geschminkte Statisten der Bergwacht-Bereitschaften - aus Nebengängen im oberen Teil der
Grube gerettet und medizinisch versorgt. Ein Teil der Rettungsmannschaften bezieht in der Turnhalle Schmiedefeld Quartier zum Schlafen, während der Katastrophenschutzzug des DRK-Kreisverbandes Suhl,
zu dem auch zwei Bergwacht-Bereitschaften gehören, die mobile Küche zur Versorgung der Einsatzkräfte aufbaut.Um sieben Uhr wird die Übung fortgesetzt, denn tatsächlich müssen drei Jugendliche aus dem
Gloriaschacht geborgen werden. "Die haben wir erst am frühen Morgen in dicken Schlafsäcken dort platziert. Eine Wartezeit über Nacht wollten wir ihnen ersparen", sagt Einsatzleiter Frank Groß, der als
Chef der DRK-Höhlenrettung auch den Hut für die Vorbereitung der Übung auf hat. Zwei von ihnen sind schwer verletzt, haben Arm- und Beinbrüche, Prellungen und ein Schädel-Hirn-Trauma.
Am Seil lassen sich Höhlenretter zu ihnen in die enge, dunkle Welt hinunter. Andere bauen eine Kabelverbindung für die speziellen Grubentelefone auf, schaffen Material für den Schachteinbau,
Flaschenzüge und Seilbahnsysteme, Hartschalentragen und Rettungsdecken unter Tage - nicht etwa bequem über die Treppen am Besuchereingang, sondern über den Rettungsschacht, schließlich soll die
Übung so realitätsnah wie möglich durchgeführt werden. "Und Treppen oder schöne Besucherwege gibt es in natürlichen Höhlen nun mal nicht", sagt Groß. "Da geht es oft nur kriechend auf schmierigem Lehm
voran." Höhlenretter sind für das Extreme ausgebildet.
Vielseitige Retter
Die Verunglückten unten im Gloriaschacht müssen medizinisch erstversorgt, warmgehalten und zum Transport mit dem Bergesack nach oben vorbereitet werden - bei sieben Grad in der Enge eines
schmutzigen, feuchten Loches ein zeitaufwendiges Prozedere. Die Hypothermie - die Unterkühlung - der zumeist über Stunden reglos liegenden Patienten ist der größte Feind der Höhlenretter. "Neben
medizinischen Kenntnissen wird von uns auch pflegerisches Wissen verlangt, gerade, weil sich eine Rettung aus einer Höhle über Stunden hinziehen kann", erklärt Nils Bräunig. Er ist Sprecher des
Höhlenrettungsverbundes Deutschland, unter dessen Dach sich Höhlenrettungen zusammengeschlossen haben, um effiziente Hilfe für in Not geratene Höhlengänger zu leisten.
Am Samstagnachmittag sind die letzten drei Opfer geborgen. Die Übung ist beendet, die Retter packen zusammen. Groß und Bräunig sind zufrieden. "Es gab kein Kompetenzgerangel mit Feuerwehr oder THW
und die Gruppen haben sich sehr gut ergänzt", sagt er. Zwei durch Steinschläge leicht verletzte Kameraden und ein zu kurz gewähltes Rettungsseil seien Kritikpunkte, die ausgewertet würden.
Trotz regelmäßiger Übungen sind die Höhlenretter froh, wenn sie nicht zum "scharfen" Einsatz gerufen werden. "Denn dann sind meist Leben in Gefahr", weiß Frank Groß. Ein solches Szenario wie im
"Schwarzen Crux" simuliert, gab es jedenfalls noch nicht. Ausgeschlossen werden kann das bei über 400 natürlichen Höhlen und mehr als 1000 Bergwerksstollen in Thüringen aber nicht. Die Höhlenretter sind
dafür gerüstet.
Von Georg Vater
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